Es war einmal (19.01.2011)

Es war mitten im tiefen Winter.
Weich wie Daunen fielen die Schneeflocken auf die Erde, deckten alles warm zu.
Unter der Erde am Wegesrand schlief tief und fest ein kleines schwarzes Körnchen. Hier unten war es mollig warm und gemütlich. Ab und zu wurde das Körnlein wach und träumte so vor sich hin.
Ach, was wohl mal aus mir wird, wie es wohl da oben aussehen mag, bin ich da auch so allein ... und so verging der lange kalte Winter.
Auf einmal wurde es wärmer, das Körnchen fing zu schwitzen an.
Oh, was ist denn das?
Es konnte kaum fassen, was nun geschah, die Haut wollte zu eng werden und irgendwie kam aus der Haut etwas heraus und wollte in der Erde Fuß fassen.
Und am anderen Ende wollte etwas durch den Erdboden an die Luft. Was passiert nur mit mir, fragte sich das Körnchen.
Und schon stupste zartes Grün an die Oberfläche.
Oh, was ist denn das, hier ist's ja so hell und luftig, ob ich wohl träume?
Das zarte Grün reckte und streckte sich - das bin ja ich, wunderte und freute sich das Körnchen. Ich bin oben ...
Es nahm die Luft und das Regenwasser auf, rekelte sich in der wärmenden Sonne und wuchs von Tag zu Tag.
Draußen wurde es immer wärmer und als der Sommer begann, wunderte sich das Körnchen wieder. Was ist denn nun das?
Ja, eine zarte Knospe, ganz verhüllt in grün mit kleinen Härchen streckte sich in die Luft. Oh, ob ich nun bald etwas sehen werde, bin ich hier allein ... und wo bin ich ich wohl ...
Der warme Sommerwind umwehte das kleine Mohnpflänzchen. Und dann kam der besondere Tag im Leben des Körnchens, das ja schon keins mehr war. Die Sonne meinte es an diesem Sommertag besonders gut. Auf einmal wurde dem Pflänzchen etwas schwindlig, denn die grünen Blättchen, die die Knospe umhüllten, brachen auf.
Was ist das, was ist das bloß ... und auf einmal kam die zarte weiße Blüte zum Vorschein, noch etwas zerknittert, aber dann wunderschön, glatt und voller Freude.
Oh, was für ein Tag, jubelte die Mohnblüte. Das ist ja wie im Traum, alles um mich herum ist grün und bunt, es ist warm und so herrlich. Und es summt und brummt in der Luft. Die Mohnblüte strahlte und alle Grashalme, die Kamille und auch die Kornblume klatschen vor Freude.
Die Mohnblüte war ganz verlegen und als dann noch die Hummel angebrummt kam und sie einfach küßte, wurde es der weißen Blüte ganz heiß und sie errötete ...
Rund herum waren nun alle Pflanzen noch mehr begeistert, denn das Rot stand ihr ganz besonders gut. Die Mohnblüte war überglücklich. Sie hatte zwar tief in der Erde vom Leben geträumt, aber dass es so schön werden sollte, hatte es nie gedacht.
Zu der einen Blüte gesellten sich noch etliche, sie erfreuten sich jeden Tag am Leben am Wegesrand, genossen den warmen Wind, die Regentropfen und dankten den Bienen und Hummeln für den Besuch.
Was waren das für glückliche Sommertage.
Es wurde kühler und die Mohnblüte fühlte, es würde noch etwas kommen, etwas ganz Besonderes.
Sei nicht traurig, sagten die Grashalme, wir kennen das schon, du wirst nun bald die roten Blütenblätter verlieren, aber was dann kommt, ist wunderschön ...
Nachts träumte die schwache Blüte und hatte doch etwas Angst. Auf einmal erwachte sie morgens, kahl - aber da war doch was - etwas Anderes.
Du bist nun eine Kapsel, trösteten die Halme am Wegesrand, und bald hast du ganz viel Körnchen, so wie du mal eins gewesen bist - und wenn die Zeit reif ist, dann schickst du sie alle in die Welt hinaus.
Der Kapsel wurde warm ums Herz, nun begriff sie den Lauf des Lebens und war glücklich und zufrieden.
Immer findet man am Wegesrand den Mohn, klein und größer, in weiss und rot und rosa, die Halme wiegen sich im Sommerwind und wenn man ganz genau hinhört, dann kann man ein schönes und zufriedenes Singen der Blumen hören ...
Karin Mußfeldt
Gedicht





