Die kleine rote Kerze (23.11.2011)

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Sie lag ganz unten in dem Karton mit den Weihnachtsdingen für den Tannenbaum. Kugeln, hauchdünn und bunt, Lametta, Strohsterne, eine kleine Trompete, Glöckchen und noch viel mehr waren in diesem alten Karton zu finden.

Es müßte bald wieder Weihnachten sein, dachte die kleine rote Kerze und hoffte, in diesem Jahr gebraucht zu werden, wer weiß.

Ach, ihre Schwestern waren schon lange nicht mehr da; sie hatten ihren Glanz und den leuchtenden Schein.

Von Jahr zu Jahr hoffte die kleine Kerze, endlich auch auf dem

Gabentisch zu stehen oder vielleicht sogar am Weihnachtsbaum zu brennen.

Immer zu dieser Zeit wurde der alte Karton hervorgeholt und die Kugeln, die Trompete, das Lametta und die Strohsterne bewundert und dann zum Schmücken herausgeholt. Nur die kleine Kerze nicht.

Was sollte man auch mit einer einzelnen Kerze anfangen.

So dachte sie nach, ließ den Docht hängen und schlief wieder ein.

Und dann wurde es plötzlich unruhig in der alten Kommode. Jemand versuchte, die Schublade zu ziehen.

Michel, kaum 2 Jahre alt, zog und zog, aber die Lade wollte sich nicht ziehen lassen. Endlich kam der Papa und half. Endlich war es geschafft und der Karton mit den Geheimnissen, die der kleine Junge noch nicht kannte, wurde aus der Kommode genommen.

In der Stube stand er schon, der große Tannenbaum, den die zwei aus dem Winterwald geholt hatten. Er duftete nach Wald und Frische.

Nun sollte er wohl geschmückt werden.

Der alte Karton war noch zugedeckt. Früher, es muss lange her gewesen sein, waren einmal Kekse drin. Das erkannte der kleine Junge sofort. Sorgfältig hob er den Deckel an und dann wurden die Augen immer größer und leuchteten vor Freude.

Was für ein Schatz in diesem Karton.

Die kleinen Händchen nahmen vorsichtig eine bunte Glaskugel heraus. Wie schön sie war! Der Vater erklärte, dass man mit ihr sehr vorsichtig umgehen müsse, denn sie seien ganz gewiß sehr alt. Schon sein Großvater hätte sie an den Tannenbaum gehängt.

Auf dem Fußboden sitzend betrachteten die zwei nun die Dinge, die in dem alten Karton zu sehen waren und der Vater konnte zu jedem Teil etwas erzählen, alles hatte eine Geschichte - die bunte Kugel, die von Tante Paula mal geschenkt worden war, vor langer Zeit, der Strohstern, den seine Mutti gebastelt hatte, der silberne Zapfen, den sein Opa für ihn zum Baumschmücken angefertigt hatte ...

Michel sah sich alles genau an und hörte seinem Vater gespannt zu.

Plötzlich fand er ganz unten die kleine rote Kerze.

Endlich, endlich, so dachte die kleine Kerze, endlich werde ich in die Hand genommen und ihr Docht zitterte vor Freude.

Der kleine Junge umschloß mit seinem Händchen fest die rote Kerze. Was für eine Freude.

Ja, der Vater wußte zu berichten, dass sie schon immer hier lag und dann immer wieder aufgehoben wurde.

Und warum brennt sie nicht, fragte das Kind, warum macht man sie nicht an?

Am Tannenbaum lag eigentlich schon die Lichterkette, die der Vater anbringen wollte. Er überlegte einen kleinen Augenblick, sah sein Kind an, sah die fragenden Augen und hatte plötzlich einen guten Gedanken. Warum nicht wieder ... ja, warum eigentlich nicht.

Er ging zur alten Kommode und suchte noch einen Karton. In dem waren die alten Kerzenhalter aus Großvaters Zeiten. An einigen war noch der Kerzentalg der vergangenen Weihnachtsfeste, als es die Lichterketten noch nicht gab.

So etwas hatte der kleine Junge noch gar nicht gesehen. Wunderschön Geformt, zum Aufkneifen und mit Kleckertalg, sehr spannend ...

Er hatte noch immer die kleine Kerze in der Hand. Ob er mich wieder in den Karton legt, dachte sie ... aber vielleicht, vielleicht ... sie wurde ganz aufgeregt ...

Michels Vater suchte und suchte in der alten Kommode bis er auf einmal etwas fand - eine Schachtel mit vielen weißen kleinen Kerzen.

Was für eine Freude.

Nun probierte man zusammen, ob wohl die Kerzen passen würden.

Michels Augen leuchteten. Er gab dem Vater die kleine rote Kerze. Und sie passte ganz genau in den alten Kerzenhalter.

Was für ein Gefühl für die kleine Kerze.

Der Vater und Michel suchten einen schönen Platz am Tannenbaum aus. Klein war sie ja, und rot, aber zu all den anderen weißen passte sie schon sehr schön.

Kugel für Kugel, Trompetchen, Zapfen und Strohstern wurden schön angebracht und als das Lametta noch dazu kam, war alles wunderschön. Der kleine Junge freute sich und sah immer zu seiner roten Kerze.

Am Abend kam die Mutter nach Hause und sah den schön geschmückten Tannenbaum. Keine Lichterkette? Nein, so wars doch viel schöner.

Aber noch mußte die kleine Kerze etwas warten, denn das Fest sollte erst kommen.

Nachts träumte sie am Baum vom Glanz und dem Schein, sie konnte kaum einschlafen vor Aufregung. Auch den kleinen weißen Kerzen ging es ähnlich, auch sie lagen schon so lange, wenn auch zusammen, in der alten Kommode.

Am nächsten Tag aber sollte ihr aller Traum endlich in Erfüllung gehen.

Draußen schneite es, in der Stube wars mollig warm und es duftete nach Bratapfel.

Auf dem Tisch war der Bunte Teller mit Nüssen, Schokolade, Kringeln und Apfelsine für den kleinen Michel.

Als er die Stube betrat, leuchteten seine Augen, denn er sah den wunderschönen Tannenbaum mit der kleinen roten Kerze.

Der Vater zündete vorsichtig alle Kerzen an, zum Schluss die kleine rote. Ihr Docht erzitterte vor Freude, sie merkte, wies in ihr warm und wärmer wurde, wie das Leuchten begann, erst zögerlich, dann in vollem Glanze. Die weißen nickten ihr sachte zu; für alle ging der langersehnte Traum in Erfüllung. Was für eine Freude für den kleinen blonden Jungen - der fühlte, wie sich die kleine rote Kerze freute ...

Sie spendete an diesem Fest Wärme und bereitete große Freude - so, wie sie es sich ein Leben lang gewünscht hatte ...

 

Karin Mußfeldt

Geschichte

 

 

 
 
 
 
 
 

Foto vom Album: Die kleine rote Kerze
Foto vom Album: Die kleine rote Kerze
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